IGOSANA – das Netz hatte den Koller

15 Jahre lang hatte das Netz den Koller: 2003 ging David Koller mit seinem Blog igosana.ch online – damals war er Student und hatte alle Zeit der Welt, um regelmässig in die Tasten zu hauen. 

In den vergangenen Jahren indes vernachlässigte er die Seite immer mehr. Daher entschied sich Herr Koller, diese auf den 31. Dezember 2018 ins Nirvana des World Wide Webs zu verbannen. Bevor igosana offline ging, hatte der Schreiber wohlweislich die meisten der während eineinhalb Jahrzehnten veröffentlichten Texte lokal gespeichert, quasi um sein digitales Vermächtnis zu sichern. 

An dieser Stelle werden in losen Abständen einige – unserer Meinung nach – besonders lesenswerte Inhalte publiziert.

Etwa diese Glossen aus der Zeit beim «Willisauer Boten»:

Journalistische Bruchlandungen weiterlesen
Diva mit Dackelblick weiterlesen
Elektionsstörungen weiterlesen
Wer nennt sich schon freiwillig Dummbeuthl? 
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oder die

Liebesgeschichten für den eiligen Leser

Anfang oder Ende? – von Isaak Babel (06.04.13)
Nachdem wir eine Zeit lang dummes Zeug miteinander gesprochen hatten, heirateten wir.

Ödipus fährt Zug (25.09.08)
«Schade bin ich nicht ein paar Jahre älter, oder Sie ein paar Jahre jünger», sagte er zu der Dame auf dem Sitz gegenüber. «Ich bin verheiratet», entgegnete sie. Er zuckte mit den Schultern.

Lolita mobil (23.08.13)
Ach wie ich sie liebe, diese Nymphchen, die dich beim Betreten des Busses auffordernd anschauen und dich – sobald du ihrem Begehren nachkommst und sie musterst – mit sorgfältig einstudierten, zornig verachtenden Blicken belohnen.

Die Unvollendete (26.07.12)
«Lass mich in Frieden!», sagte sie und zog sich die Bettdecke über den Kopf.

Schöne Gedanken (25.09.08)
Sie wusste nicht recht, was sie mit dieser Kurzmitteilung in ihrem Posteingang anfangen sollte: «Vorhin habe ich an dich gedacht. Jetzt gehe ich mir die Hände waschen.»

Das schwarze Schnewittchen (25.09.08)
Sie war die Antithese zu ihrem Namen. Pechschwarz das Haar, braun die Haut; ihre Augen schienen die ganze Nacht in sich aufgesaugt zu haben. Sie hiess Snezana. Schnewittchen. Eine Frau, schön wie der Teufel. Straff der Körper, rund wo er rund sein musste; flach dort, wo Flachsein angebracht war. «You look awfully beautiful», sagte ich, nachdem ich mich überwunden hatte, ihr einen Drink zu spendieren. Unbarmherzig stampften die Boxen die überlauten Bässe des Turbofolks in den Raum. Sie lächelte, hauchte «I know» und wandte sich von mir ab – zurück auf die Tanzfläche.

Osterweiterung (21.09.12)
«Oksana? Was ist denn das für ein hässlicher Name?»
«Das ist eben das Faszinierende an all den Oksanas, die ich kennengelernt habe: Ihr Name ist scheusslich und steht stets in wunderbarem Widerspruch zu ihrem Äusseren.»

Liebe 77 – von Julio Cortazar (10.10.08)
Und nachdem sie all das, was sie machen, gemacht haben, stehen sie auf, baden sich, pudern sich, parfümieren sich, kämmen sich, ziehen sich an und werden nach und nach wieder das, was sie nicht sind.

Die Verführerin – aus Bernhard Schlink: Der Vorleser (04.03.09)
Ich sah nicht auf, als sie in die Küche kam, erst als sie vor der Wanne stand. Mit ausgebreiteten Armen hielt sie ein grosses Tuch. «Komm!» Ich wandte ihr den Rücken zu, als ich mich aufrichtete und aus der Wanne stieg. Sie hüllte mich von hinten in das Tuch, von Kopf bis Fuss, und rieb mich trocken. Dann liess sie das Tuch zu Boden fallen. Ich wagte nicht, mich zu rühren. Sie trat so nahe an mich heran, dass ich ihre Brüste an meinem Rücken und ihren Bauch an meinem Po spürte. Auch sie war nackt. Sie legte die Arme um mich, die eine Hand auf meine Brust und die andere auf mein steifes Geschlecht. «Darum bist du doch hier!»

Am Morgen – in Anlehnung an Vassilij Grossman (06.09.11)
Mit noch wirrem Haar stiess sie – das Hemd über der Brust mit einer Hand zusammenhaltend – das Fenster auf und blickte mit zusammengezogenen Brauen, aber lächelnd, in den klaren Morgen.

Gereift – In Anlehnung an Goran Vojnović: Vaters Land (03.07.16)
In dieser Nacht stand nicht jenes kindlich ausgelassene Mädchen vor mir, in das ich mich vor drei Jahren wegen des bezaubernden Lachens und des jungen festen Hinterns verschaut hatte. Vor mir stand ein Mädchen, das an meiner Seite unmerklich gereift war. N., die ich nur für eine weitere Selbstverständlichkeit in meinem Leben gehalten hatte, war zur Frau geworden, die mich zu verstehen schien.

Komplizierte Welt (19.06.12)
Erst nach vielen Wochen öffnete sie mir die warme und komplizierte Welt zwischen ihren Schenkeln. Eine Welt, die ich bis am Schluss nie richtig verstehen sollte.

Hard- und Software (05.08.10)
Hast du dich schon mal gefragt, warum wir Frauen keine jüngeren Partner wollen?

Weil wir ganz einfach denken, dass ältere Exemplare reifer sind. Da geht es um Software. Dem ist nicht so, das weiss jedes Kind, nur wir dämlichen Weiber wissen es nicht. Wir warten immer auf ein Wunderexemplar – sensibel, humorvoll, anständig und eben älter.

Männer hingegen wollen Hardware. Und wenn die dann 20 Jahre jünger ist, macht das grad noch etwas mehr her.

Der Liebhaber – von Anton Cechov (10.10.08)
N. erfährt, dass seine Frau ihn betrogen hat. Ist empört, gekränkt, zögert jedoch, schweigt. Schweigt, und es endet damit, dass er sich von dem Liebhaber Geld leiht und sich weiterhin für einen ehrbaren Menschen hält.

Wahrscheinlich keine Liebe (20.10.08)
«Wie kann ich angesichts deiner Scheiss-Fresse noch so etwas wie Liebe empfinden?»
(in Anlehnung an René Pollesch)

Überschätzung (10.08.15)
Liebe ist die sinnlose Überschätzung des minimalen Unterschieds zwischen einem Geschlechtsobjekt und dem anderen.

Change (19.08.13)
«Schatz, ich habe nachgedacht. Wir brauchen eine Veränderung. Entweder wir heiraten und ich werde schwanger. Oder wir kündigen die Wohnung und suchen uns ein neues gemeinsames Zuhause.»
«Kündige die Wohnung.»

Stigma (16.04.13)
Ja, ich bin glücklich verheiratet. Jedes Mal, wenn ich mit Freunden ausgehe, streife ich mir den Ehering vom Finger.

Antike Enttäuschung – von Quintus Horatius Flaccus, genannt Horaz (27.02.11)
Falschheit, dein Name ist Weib.

Dummheiten – aus Joseph Roth: Hotel Savoy (15.10.15)
Frauen begehen ihre Dummheiten nicht wie wir aus Fahrlässigkeit und Leichtsinn, sondern wenn sie sehr unglücklich sind.

Er wollte mehr (25.09.08)
Wutentbrannt schleuderte er die Serviette auf den Tisch. «Eine Affäre? Sehe ich vielleicht aus wie jemand, der nur eine Affäre nötig hat?» schnaubte er, schob den Stuhl zurück und stapfte von dannen. Sie zog an ihrer Zigarette und blickte ihm nach. Dann bestellte sie die Rechnung und verliess das Lokal – mit einem Lächeln im Gesicht.

Er küsst sonst niemanden (24.10.08)
«Schwör!»
«Man ich schwöre! Shkelzim ist sein bester Kollege, er ist für ihn wie ein Bruder. Aber als Shkelzim ihn fragte, ob er mit ihm tanzen komme, antwortete er: Nein Mann, ich bleibe hier sitzen, bei dieser hübschen Lady. Und als er mich mit seinem Auto nach Hause brachte, hat er mich auf die Wange geküsst! Und er küsst sonst niemanden.»
«So süss!»

Formsache (17.12.14)
Mit Verlaub, Madame, an einem Hintern wie dem Ihren würde ich mir gerne mal wieder die Finger verbrennen.

Slawische Seele (02.10.09)
Ich war auf dem Heimweg. Aus den Kopfhörern erklang Musik im tiefsten Moll. Da setzte sich mir gegenüber diese glutäugige Schwarzhaarige. Schwermut überrannte mich. Es war kein unschönes Gefühl.

Erlaubt (03.10.08)
Den darfst du von nun an unbestraft anfassen, dachte er und warf einen weiteren begeisterten Blick auf ihren Hintern.

Ihre Lippen – aus Vladimir Pištalo: Millennium in Belgrad (30.03.12)
Während wir warteten, liessen wir zwei Busse wegfahren. Lange schwankte ich, ob ich sie anfassen sollte. Am Ende spürte ich doch ihre Lippen und erwarb das Recht, mit den Händen ihren Körper zu erkunden.

Noch eine Nacht – aus Christian Schmidt: Die Zellen meiner Schwester (17.04.13)
Meine Lebenserwartung ohne Therapiebeginn am gleichen Tag: ein paar Wochen. Ich begann nicht sofort. Noëlle wollte noch eine Nacht mit mir zu Hause verbringen.

Barbarossa 2.0 (10.10.08)
«Gefällt er dir?»
«Ja. Schöne Augen, schöner Hintern. Aber dieser Bart. Warum tragen Studenten heute immer noch Bart?»
«Wirst du ihn küssen?»
«Ich denke schon.»
«Also, dann bestellen wir jetzt noch einen Drink und danach ziehst du dir die Lippen nach.»

Pyjama (27.06.12)
Wir lernten uns per Zufall kennen. Am nächsten Abend lud sie mich zu sich ein. Sie bekochte mich. Dann fragte ich, ob es ihr etwas ausmache, wenn ich nicht nach Hause ginge. Nein, sagte sie. Wir putzten uns artig die Zähne, sie zog ihren scheusslichen Hippie-Pyjama an und wir legten uns ins Bett. Erzählst du mir jetzt eine Geschichte, fragte sie lächelnd. Nein, antwortete ich ­– ebenfalls lächelnd.

Зажигалка* (02.10.09)
«Wow!», sagte er zu ihr. Fortwährend hatte sie zuvor seine Nähe gesucht und ihn schliesslich um Feuer gebeten. Er hielt ihr den Anzünder hin und ihre Blicke trafen sich für eine kurze Ewigkeit. Augen wie die ihren hatte er zuvor noch nie gesehen. «Wow!», sagte er; dann steckte er das Feuerzeug wieder in seine Tasche und zog grusslos von dannen.

* Umgangssprachlich gilt in Russland eine sehr attraktive Frau als зажигалка (sprich. Saschigalka), also Feuerzeug.

Jung (05.11.09)
Sie ist schön. Aber sie ist jung. Sie versteht es noch nicht, einen Männerblick zu ertragen.

Statusänderung (03.10.14)
Wie wir ein Paar wurden?
Wir kannten uns schon lange. Ab und zu kam sie nach Konzerten zu mir nach Hause und wir fickten. Am nächsten Morgen ging sie wieder.
Eines Morgens sagte sie: «Jetzt gehe ich nicht mehr.»

Männer (01.04.09)
«Ach! Seit ich ihm von meinem zweijährigen Sohn erzählt habe, ist sein Interesse an mir deutlich gesunken.
Aber reden wir nicht von mir. Wie siehts bei dir aus?»
«Nicht viel besser. Er hat sich nicht mehr bei mir gemeldet, seit ich nach unserem ersten gemeinsamen Abend die Nacht nicht bei ihm verbringen wollte.»

Vorlieben (19.05.12)
Bisweilen denke ich, ihr Männer seid williger um eine Flasche Bier denn um eine Beziehung zu kämpfen.

Turteltaube (18.01.09)
Er ist sowas von träge. Er bewegt sich wie eine Taube, die zu faul ist um wegzufliegen und sich nun zu Fuss aus dem Staub macht. Er ist lahm, ich mag ihn nicht.
Und trotzdem kriegt er mich immer wieder ins Bett.

(Alb-)Traumberuf (18.10.09)
Ich bin Fahrlehrer. Ich hasse meinen Job. Tagein, tagaus sitze ich im Auto und starre auf die Titten meiner untalentierten Schülerinnen.

Nachtgedanken – von Johann Wolfgang Goethe (28.08.10)
Euch bedaur ich, ünglückselige Sterne,
Die ihr schön seid und so herrlich
scheinet,
Dem bedrängten Schiffer gerne leuchtet,
Unbelohnt von Göttern und von
Menschen:
Denn ihr liebt nicht, kannet nie die
Liebe!
Unaufhaltsam führen ewige Stunden
Eure Reihen durch den weiten Himmel.
Welche Reise habt ihr schon vollendet!
Seit ich weilend in dem Arm der
Liebsten
Euer und der Mitternacht vergessen.

Alleine zu zweit zurück (20.12.08)
bin zurück aus afrika, alleine. habe neuen Job und neue wohnung. wir müssen uns mal auf einen kaffee treffen. bin schwanger.

Im Kreis (08.10.08)
Sie liess ihre Hand über meinen Bauch kreisen, im stetig grösser werdenden Rund. Mit kleinen Schritten kam sie meiner Körpermitte näher. Doch was waren das kleine Schritte; ich konnte es kaum mehr erwarten. «Ich liebe dich», sagte ich und dachte: Komm endlich zur Sache!

Alltag (06.04.12)
«Was ist denn das für ein hässliches Nachthemd?»
«Aber du warst doch dabei, als ich es gekauft habe.»

Herbst – von Andrey Bely (20.12.08)
Vorbei ist der Lenz.
Der Wald flammt rot.
Feurig glänzt
der Nebelmond.

Wir waren zu zweit,
wir hatten uns gern.
Nun ist sie fern,
die Frühlingszeit.

Vorbei ist der Lenz,
an Täuschung so reich.
Der Nebel glänzt.
Der Mond ist bleich.

Du wendest dich ab –
wie traurig du schaust.
Durchs Schilfrohr braust
der Fluss herab.

Etwas Besseres (21.10.08)
«Du hast etwas Besseres verdient als mich», sagte er und wandte sich traurig von ihr ab. Ja, das habe ich, dachte sie, aber ich werde nichts Besseres finden.

Zwei Jahre (02.04.09)
Dieses Lied.
Ich habe es zum ersten Mal gehört, als ich auf dem Weg zu dir war. Damals wusste ich längst, dass du uns keine Chance mehr gibst.
Das ist jetzt zwei Jahre her. Ich kann diese elende Melodie immer noch nicht hören.

Wärme (03.03.09)
Da hörte ich dieses Klopfen an meiner Bürotür – leise und fast zaghaft – und nun stand sie da; wollte eigentlich gar nicht zu mir, aber der, den sie suchte, war abwesend. So stand sie an meiner Tür und wir schauten einander an. Ich kannte sie von früher, vom Gymnasium. Gefallen hatte sie mir immer, aber geredet hatten wir nie miteinander. Jetzt redeten wir. Nur ein paar wenige Worte, gleichwohl eine kleine, schöne Ewigkeit. Und ich spürte sie wieder einmal, diese wohlige Wärme, die mir jemand schenkte; dieses ehrliche Glänzen in den Augen, dieses nicht geheuchelte Lachen. Und sie spürte es auch.

Dann ging sie wieder und ich sass etwas verzaubert in meinem Büro. Schön ist das. Mehr nicht. Aber schön, sehr schön.

Wunde – von Konstantin Wanschenkin (31.03.09)
Sie ging.
Der Lift verstummte.
Da riss er sich
den Verband von der Seele,
starrte erschrocken
auf seine Wunde.

© igosana.ch, David Koller, 2008 – 2016

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